Kann man sich ein Jahr nur von Fleisch ernähren?


Für gewöhnlich ist der Ablauf folgendermaßen: Ein Wissenschaftler führt Experimente mit menschlichen Testpersonen durch und wird im besten Fall berühmt. In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts lief das Ganze jedoch umgekehrt ab, denn der Forschungsreisende Vilhjalmur Stefansson erlaubte es Wissenschaftlern, ihn bei einem bizarren Ernährungsversuch zu begleiten, für den er sich ein Jahr lang nur von Fleisch ernährte. Dadurch wurde der gebürtige Kanadier noch berühmter als zuvor!

Vilhjalmur Stefansson lebte viele Jahre zusammen mit den Eskimos beziehungsweise den Inuit, wie man sie heutzutage nennt. Er bemerkte dabei, dass deren Ernährung nahezu ausschließlich aus Fisch und Fleisch bestand und die Bevölkerung dennoch gesund war.

Ernährungswissenschaftler hielten dies für unmöglich.

Der Kanadier schien jedoch mehr als überzeugt davon. Um seine Aussagen zu beweisen, entschied er sich zusammen mit seinem Kollegen Karsten Anderson dazu, über einen Zeitraum von einem Jahr nur Fleisch zu essen. Das Experiment fand unter medizinischer Aufsicht des Bellevue Hospitals in New York statt und die beiden „Probanden“ aßen tatsächlich nur Fleisch. Von Fisch, der von den Inuit ebenfalls verzehrt wird, machte man keinen Gebrauch.

Dass Fisch vorteilhafte und Fleisch teilweise weniger nützliche Fettsäuren enthält, war zur damaligen Zeit nicht bekannt. Deshalb sagt das Experiment auch sehr wenig über die Gesundheit der Inuit aus, die Stefansson kennenlernte. Auch in den 20er Jahren war diese Untersuchung sehr umstritten, wie der gebürtige Kanadier in seinem Artikel Adventures in Diet erzählt, der im November 1935 in Harper’s Monthly Magazine erschien.

Wie Stefansson selbst schrieb, prasselte wilder Protest von Freunden auf ihn und seinen Kollegen ein, als die Presse verkündete, dass die beiden das Bellevue Hospital betraten. Zum Großteil habe die Kritik auf einem Bericht basiert, in dem fälschlicherweise behauptet wurde, dass das Fleisch ausschließlich roh verzehrt werden würde und aus mageren Quellen stamme.

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Vilhjalmur Stefansson im Jahr 1928

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Nur auf mageres Fleisch zu setzen war schlichtweg unmöglich und Stefansson wusste dies aus Erfahrung. Primitive Völker, die bezüglich ihrer Ernährung abhängig von Fisch und Fleisch sind, geben ihr Bestes, um ausreichend Fett zu sich zu nehmen, da sie ansonsten krank werden würden.

Forschungsreisende wissen um dieses Problem. In Situationen, in denen es nur mageres Fleisch gibt, zum Beispiel auf einer unbewohnten Inseln mit halbverhungerten Hasen, entwickelt man das sogenannte „Rabbit Starvation Syndrome“ (Kaninchenhunger). Es handelt sich hierbei um eine Form von Mangelernährung. die vor allem durch den fast ausschließlichen Konsum von magerem Fleisch zustande kommt und tödlich sein kann.

Während des Experiments schaffte es einer der Ärzte, Stefansson davon zu überzeugen, zumindest über einen kurzen Zeitraum nur mageres Fleisch zu verzehren, doch der Kanadier wurde krank. Er litt unter Übelkeit und Durchfall. Erholen konnte er sich, als er auf eigene Gefahr das Gehirn von Kälbern zu seiner Ernährung hinzufügte.

Im Laufe der Studie bezogen die beiden Probanden ihre Kalorien zu 25 Prozent aus Protein, der Rest kam größtenteils aus Fett. Die kompletten Berichte des Experiments können noch heute im Internet gefunden werden und werden innerhalb der Low Carb Bewegung als Klassiker bezeichnet.

Die Beziehung zwischen den Wissenschaftlern und dem berühmten Polarforscher stand auf wackeligen Beinen. Geleitet wurde das Experiment von Eugene DuBois, der von dieser Ernährung nicht gerade überzeugt war, nachdem er nach einigen Tagen des Selbstversuchs aufgab. Auch die Beschreibung seiner hauptsächlichen Testperson hört sich nicht wirklich an, als seien sich die beiden sympathisch gewesen.

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Die Berichte zum Experiment können via PDF eingesehen werden.


Physisch war Vilhjalmur Stefansson ein gut entwickelter Mann, obwohl seine Muskeln weich und irgendwie schlaff schienen. Seine Zähne enthielten viele Füllungen und auch eine leichte Zahnfleischentzündung war erkennbar.

Zitat Eugene DuBois


Als Beweis dafür, dass man ein Jahr ohne Schädigung der Gesundheit Fleisch essen kann, ging das Experiment in die Annalen der Low Carb Bewegung ein. Zumindest zogen die Wissenschaftler dieses Fazit. Liest man die Studie allerdings aus der Sicht des heutigen wissenschaftlichen Verständnisses von Ernährung und Gesundheit, ist die Schlussfolgerung wohl nicht passend.

Die Männer verloren große Mengen an Calcium, an manchen Tagen sogar 400mg. Fleisch an sich weist zwar wenig dieses Mineralstoffs auf, doch der Calciumstoffwechsel im Körper der beiden Forschungsreisenden kam nicht aus dem Gleichgewicht. Ernsthafter war, was Karsten Anderson einem Jahr nach der Fleischdiät wiederfuhr.

Im Frühling 1929 klagte der Däne über Schmerz in der rechten Brust, eine schwere Erkältung und eine rapide ansteigende Körpertemperatur. Am nächsten Tag war sein Auswurf laut Ausführungen der Forscher rostig und er hatte 40° Fieber.

Ärzte diagnostizierten eine bakterielle Lungenentzündung und nach einiger Zeit der Behandlung erholte sich der Polarforscher wieder. Gemäß der Meinung moderner Kardiologen könnte Anderson jedoch einen Herzinfarkt erlitten haben, was nicht allzu verwunderlich wäre, wenn man bedenkt, dass seine Cholesterinwerte sich auf 800 erhöhten. Heutzutage schätzen Experten Gesamtwerte ab 240 als Grenze ein, ab der man aufgrund des Risikos für eine Herzattacke einschreiten sollte.

In der damaligen Zeit war die Verbindung zwischen Cholesterin und Herzanfällen allerdings noch nicht klar. Weder der Schmerz in der Brust noch die stark veränderten Cholesterinwerte änderten das Fazit der Wissenschaftler. Nach dem Experiment bezog sich Stefansson sehr oft in Artikeln oder Gesprächen auf die Ergebnisse und sah diese als „wissenschaftlichen Beweis“ dafür an, dass eine Ernährung, die ausschließlich aus Fleisch besteht, nicht gesundheitsschädlich ist.

Eine Ernährung, die ausschließlich aus Fleisch besteht, ist wie andere einseitige Konzepte nicht zu empfehlen.

Eine Ernährung, die ausschließlich aus Fleisch besteht, ist wie andere einseitige Konzepte nicht zu empfehlen.

Man kann aus dieser Studie ableiten, dass unter dem Strich wohl eine ausgewogene Ernährung sich am besten eignet, um die allgemeine Gesundheit zu gewährleisten. Außerdem macht dieser Beitrag deutlich, dass man genauer hinsehen sollte, wenn man sich auf „in die Jahre gekommene“ Forschungsergebnisse beruft. Vor 100 Jahren war die Wissenschaft schlichtweg noch nicht so weit wie heutzutage und viele Dinge wurden aufgrund von mangelndem Kenntnissen fehlinterpretiert.

Auch wenn es eigentlich logisch sein sollte, möchten wir am Ende des Artikels anmerken, dass die hier thematisierte Studie definitiv nicht zur Nachahmung empfohlen werden kann. Belasst es bei einer gut ausbalancierten Ernährung, denn einseitige Konzepte können euch und eurer Gesundheit erheblichen Schaden zufügen!


Quelle: ergo-log.com/meatonly.html
Referenzstudie: jbc.org/content/87/3/651.full.pdf+html

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