Doping und der Mythos vom fairen Sport



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Anabole Steroide, Wachstumshormone und ähnliche Stoffe sind entweder verschreibungspflichtig oder überhaupt nicht mehr aus einer Apotheke zu beziehen. Derartige Substanzen ohne Rezept zu erwerben oder zu besitzen ist strafbar. Zudem kann die Verwendung sowohl kurzfristige als auch dauerhafte körperliche Schäden mit sich bringen!


Was haben diese vier Dinge gemeinsam?

  • Der Weihnachtsmann
  • Die Zahnfee
  • Der Osterhase
  • Fairness im Spitzensport

Die Antwort: Sie existieren nicht.

Die meisten Menschen glauben jedoch zumindest an die Nummer 4 der Liste. Doch Fairness im Spitzensport existiert nicht. Und sobald du anfängst, ein wenig kritischer über die allgegenwärtigen Vorzüge und Nachteile nachzudenken, mit denen Athleten konfrontiert sind, wirst du es auch realisieren.

Das Märchen vom ebenen Spielfeld

Die Leute wollen daran glauben, dass es etwas wie ein „ebenes Spielfeld“ gibt, auf dem nur die reinste Form des Sportes ausgetragen wird. Es ist wie der Gedanke an eine Sage über das alte Griechenland, wo alle athletischen Wundertaten von den Göttern gelenkt und von den feinsten Beispielen athletischen Könnens vollbracht werden – unberührt, moralisch und rein.

Alles in diesem Märchen ist fair und jede Sportart besitzt diese Ebene auf der sich die Spieler, insbesondere Kinder, mit Anstand gegenübertreten. Es ist ein sicherer Ort, wo Regeln alles bestimmen, was über Sieg und Niederlage entscheidet. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch nicht auf dem Gewinnen, nein, es geht um Arbeitsmoral, Sportgeist und Fair-Play. Und es gibt Trophäen für die Teilnahme.

Sport in der realen Welt

In der Realität sieht es jedoch etwas anders aus. Wenn man mit dem Ziel des Gewinnens antritt, wird man früher oder später mit etwas konfrontiert werden, was sich die „verruchte Seite“ des Sports nennt: Leistungssteigernde Mittel.

Und damit einher geht der Druck auf die Sport-Föderationen, Anti-Doping Regeln einzuführen und den Missbrauch von leistungssteigernden Substanzen einzudämmen, um ein „ebenes Spielfeld“ zu bewahren. Dadurch soll vor allem Kindern die Wichtigkeit von Arbeitsmoral und Fairness nahegebracht werden.

Ab einem gewissen Punkt wird der aufstrebende Athlet von der Gruppendynamik erfasst und mit der Frage konfrontiert, ob die Regel zu brechen, die alle brechen, am Ende noch Betrug ist. Nichtsdestotrotz versucht man uns zu suggerieren, dass der Unterschied zwischen einem ebenen und einem unebenen Spielfeld in der Verwendung von Dopingmitteln liegt. Das einzige Problem damit? Es ist einfach nicht der Fall.

Genetik, Ernährung und Testosteron

Es gibt Millionen von Variablen, die einem Athleten einen Vorteil gegenüber einem anderen verschaffen können. Oftmals sind sie viel wirksamer als Steroide. Es gibt genetische Faktoren, die nicht nur die Kraft, Muskelmasse und Körperkomposition beeinflussen, sondern auch Hand-Auge-Koordination, die Fähigkeit sich zu erholen und schlichtweg das Talent.

Es gibt außerdem gewisse Umweltfaktoren, die einen Vorteil verschaffen können und damit das Spielfeld „uneben“ machen. Athleten verschiedener Nationen sind oftmals viel schlechter mit Nahrungsmitteln versorgt als andere. Länder, die Weltklasseathleten unterstützen, tuen dies meist nur mit den besten Zutaten. Gute Ernährung ist zweifellos der größte Vorteil, den ein Athlet gegenüber einem anderen haben kann. Wie kann der unterernährte Sportler aus einem armen Land die selben Vorraussetzungen haben wie sein Konkurrent aus einem Land der ersten Welt? Allein das macht einen Wettstreit auf Augenhöhe zunichte.

Jeder Gold-Medaillen-Sprinter in der modernen Geschichte kann seine Wurzeln bis nach Westafrika zurückverfolgen. Der genetische Vorteil, den diese Athleten beim Sprinten haben, ist der Fakt, das Westafrikaner symmetrische Kniegelenke besitzen.


Auch Usain Bolt hatte westafrikanische Vorfahren

Wie könnte es kein Nachteil sein, wenn man beispielsweise jemand mit tschechoslowakischen Vorfahren ist und damit wahrscheinlich asymmetrische Knie hat? Westafrikanische Wurzeln zu haben (was bei den meisten Jamaikanern der Fall ist) ist ein Vorteil gegenüber jedem anderen Sprinter der Welt. Würde der Ausschluss von Westafrikanern das Spielfeld ebnen? Nein, es wird nur dazu führen, dass jemand anderes gewinnt und wahrscheinlich dennoch kein Tscheche.

Nun denk für eine Sekunde über den Vorteil der natürlichen Testosteronproduktion nach. Du hast zwei olympische Gewichtheber – einer mit einem Testosteron-zu-Epitestosteron-Verhältnis (T:E Verhältnis) von 0,25:1 und einen anderen mit einem Wert von 4:1. Hat einer von ihnen einen unfairen Vorteil, wenn es um den Aufbau von Muskeln und Kraft geht? Absolut! Aber tatsächlich würde das ein ebenes Spielfeld bedeuten. Um noch mehr Verwirrung zu stiften, sage ich dir, dass es nichts bringen würde, das Verhältnis des 0,25 Typen durch Steroide künstlich auf 4:1 zu steigern, auch wenn beide dadurch tatsächlich gleich wären, zumindest was das Testosteron angeht. Tatsächlich würde er gebannt werden, wenn er dabei erwischt werden würde.

Blutdoping und Höhentraining

Die wohlmöglich beste Analogie hier ist das Blutdoping. Hierbei wird die Ausdauerleistung gesteigert, indem man die Zahl der roten Blutkörperchen erhöht und dadurch den Transport von Sauerstoff in die Muskeln verbessert. Es gibt vier Wege das zu erreichen:

Das ursprüngliche Blutdoping

Einige Tage vor dem Wettkampf wird dem Sportler ein halber Liter Blut abgezapft. Es wird zentrifugiert um die roten Blutzellen vom Plasma zu trennen. Das Plasma wird dann zurück in den Blutkreislauf gepumpt und die roten Blutkörperchen aufgehoben um sie kurz vor dem Wettkampf in die Venen zu injizieren. Dieser Vorgang kann einige Male wiederholt werden um genügend rote Blutkörperchen für den gewünschten Effekt zu „ernten“.

EPO

Erythropoietin ist ein Medikament, dass dazu führt, dass der Körper mehr rote Blutkörperchen produziert und dadurch den Sauerstofftransport von der Lunge zu den Muskeln verbessert.

Hypoxietraining oder Höhentraining

Hast du schon mal darüber nachgedacht, warum Ausdauerathleten in Trainingscamps in den Bergen fahren? Training in großer Höhe oder anderen Orten, wo der Sauerstoffgehalt der Luft reduziert ist, zwingt den Körper dazu, sich an die Sauerstoffarmut anzupassen. Dies tut er, indem er wieder mehr rote Blutkörperchen produziert.

Überdurckkammer

Bei einer Überdruckkammer handelt es sich um eine Sarg-ähnliche Vorrichtung, die mit einer Maschine verbunden ist, die die Luft „verdünnt“, die in die Kiste strömt. Dadurch werden die sauerstoffarmen Bedingungen in großer Höhe simuliert. In solch einem Ding zu schlafen, zwingt den Körper ebenfalls dazu, mehr rote Blutkörperchen zu produzieren um mit weniger Sauerstoff klarzukommen.

Mehr rote Blutkörperchen bedeuten eine
verbesserte Sauerstoffversorgung der Muskulatur, was zur Steigerung der Ausdauerleistung führen kann.

Der beabsichtigte Effekt dieser Methoden ist der selbe. Die Anzahl an roten Blutzellen erhöhen um mehr Sauerstoff transportieren zu können. Die ersten der beiden Methoden sind verboten, die anderen beiden sind vollkommen legal und weit verbreitet. Es ist eben genau diese Logik, die die Idee eines ebenen Spielfeldes so absurd erscheinen lässt. Höhentraining bringt einen signifikanten Vorteil. Aber wenn du nur auf Meereshöhe trainierst und zusätzlich dazu EPO benutzt, erreichst du einen vergleichbaren Effekt. Du führst einen unfairen Vorteil herbei und wenn du erwischt wirst, wirst du jahrelang vom Wettkampfgeschehen ausgeschlossen und gesperrt.

Große Mythen und das große Geld

Das „ebene Spielfeld“ kann der Industrie und dem Schauspiel des Sports auch schaden. Sobald Ruhm und Geld hinzukamen, wurde das Spielfeld wieder fair. Trotz aller Regeln und Gesetze gegen sie, wurde der Einsatz von leistungssteigernden Mitteln (und sich nicht erwischen zu lassn) genauso zu einem Teil des Sports wie jeder andere Teil auch. Auf dem Profi-Niveau bedeutet das nicht nur die dicken Scheine für die Athleten, sonder auch für die Eigentümer der Clubs, die Föderationen, das Management, Verbände, Sponsoren und die ganze Industrie, die sich rund um den Sport aufgebaut hat.

Am Höhepunkt des Dopingskandals im Radsport wurden die besten Leistungen der bisherigen Geschichte erbracht. Während leistungssteigernde Substanzen vielleicht nicht gut für unsere Kinder sein mögen, sind sie ein guter und wichtiger Teil des Profisports und der Industrie dahinter. Wenn sie das nicht wären, gäbe es keine Debatte. Aber niemand will dafür bezahlen, schlechtere Sportler zu sehen und niemand will deshalb weniger Geld verdienen.

Dieses Bild ging um die Welt. Der Dopingskandal im Radsport hat viele Zweifel in der Bevölkerung aufgeworfen.

Die Regierungen der westlichen Nationen haben dem ganzen Nonsens um dieses „ebene Spielfeld“ schon viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Steroide wurden aus den Sportarten gebannt und der Gebrauch verboten. Diese Message war klar berechnet und richtet sich besonders an die Jugend. Es soll ihnen vermittelt werden, dass es keine Abkürzungen gibt und es harte Arbeit ist die zählt. Und dass es keinen vernünftigen und gesunden Weg für männliche Spitzensportler gäbe, ihre Leistung mit dem Gebrach von Medikamenten zu steigern. Die Regierungen wollen die Idee verbreiten, dass leistungssteigernde Mittel unmoralisch, unsittlich und unfair sind und dadurch das Spielfeld uneben machen. Die Tatsache, dass wir Gesetze auf Grundlage dieser Denkweise haben ist meist unerklärlich. Nichtsdestotrotz ist der Wille nach einem ebenen Spielfeldes – oder zumindest der Illusion dessen – so stark, dass wir seit Jahrzehnten Gesetze haben, die es schützen sollen. 

Und die Medien machen da einfach mit. Ganz egal was die Wahrheit über Dopingmittel ist, die Medien haben Steroide unzählige Male als Angriff auf die Grundsätze des Sportes und als Angriff auf unsere Kinder verunglimpft.

Doch für die erwachsenen Schirmherren des Sportes, bedeutet eine „saubere“ Arena, dass das Vertrauen des Volkes sichergestellt ist. Kein Spieler soll einen unlauteren Wettbewerbsvorteil haben, indem er Steroide nutz um seine Leistung zu steigern. Für den Athleten selbst sind Steroide damit sprichwörtlich die sprechende Schlange im Baum der verbotenen Frucht. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Gebrauch von leistungssteigernden Mitteln, besonders den Verbotenen, hocheffektiv ist und damit ein logischer Teil von dem sind, was einen sportlichen Vorteil ausmachen kann. Aber ebnet das Verbot von diesen Substanzen das Spielfeld? Nein! Es spielen immer noch eine Menge anderer Faktoren, insbesondere genetische, eine große Rolle.

Man kann einfach nicht mehr tun, als einen großen weißen Hasen zu rufen, der an dem Samstag vor Ostern heimlich bunte Eier versteckt… Genauso haben wir Gesetze, gescheiterte Gesetze, die Spitzensportler im Kampf um eine Menge Ruhm und Geld dazu zu zwingen, die kriminelle Wahrheit zu akzeptieren, welche sich unweigerlich offenbart: Wenn du gewinnen willst, musst du etwas nehmen.

Der Sport sich nicht erwischen zu lassen

Wie genau ebnet das Verbot von Dopingmittel das Spielfeld? Das ist genauso als wenn man behauptet, dass das Verbot von Gabeln Diabetes heilen würde. Der Ursprung von leistungssteigernden Mittel liegt einzig und allein darauf begründet, einen Vorteil zu erlangen. Ein guter Coach kennt hunderte von Wege einen Vorteil für seine Kunden, bzw. Spieler herbeizuführen und manche – nicht alle – davon erfordern illegale Substanzen. Ein Coach schreibt seine Pläne zur Leistungssteigerung im vollen Bewusstsein darüber, dass jeder andere Coach da draußen genauso seine Pläne schmiedet und dafür jegliche Art von Möglichkeiten ausschöpft, die ihm zur Verfügung stehen. In verschiedenen Sprachen, in Ländern rund um den Globus. Es gibt heutzutage viele verfügbare „Praktiken“ um die körperliche Leistung zu steigern, die eingesetzt werden obwohl man ganz genau weiß, dass man dabei etwas verbotenes oder illegales tut.

„Verboten“ heißt dabei für viele Coaches einfach nur, dass man weiß, wie man die Substanz einsetzt, ohne dass man auffliegt, nicht dass man sie dadurch nicht verwenden kann. Das verbotene Zeug wirkt offensichtlich, ansonsten wäre es nicht verboten! Es trotzdem zu verwenden und damit durchzukommen fügt nur eine weitere Ebene der Komplexität hinzu, genauso wie eine politische Ebene.

Die Dopingkontrollen zu bestehen ist ein Sport für sich

Veranstalter, Föderationen, Liegen, etc. sind verantwortlich für Dopingkontrollen. Die Labore senden ihre Ergebnisse zurück an sie, damit man entweder Maßnahmen ergreift oder sie unter den Tisch kehren kann. Es sind selten die Athleten mit der besten Leistung oder die am besten promotet werden, die den Dopingtest nicht bestehen. Es sind meist eher die Opferlämmer auf den dritten und vierten Plätzen, die dran glauben müssen. Aber wenn man wie die Meisten so naiv ist, glaubt man eher daran, dass die Top-Jungs sauber und so gut sind, dass die schlechteren Athleten Dopingmittel brauchen, um überhaupt mithalten zu können. Abhängig von der Sportart in der man sich befindet, wird es eine Reihe an Regeln geben, die dazu führen sollen, dass der Wettkampf sicher und fair bleibt. Und diese Regeln werden gedehnt. Das werden sie immer. Darum braucht es eine ja Regulierung.

Die Idee, dass du einfach ankommst ohne eine Art von Vorteil anzutreten bedeutet, dass du wahrscheinlich nicht gewinnen wirst, besonders wenn du die einsame zarte Schneeflocke bist und jeder andere vollgepumt ist bis unters Dach. Die Scharade um das ebene Spielfeld wird weiter dadurch überspitzt, dass die Grenzen, wenn überhaupt, nur sehr schwammig sind. Ein ebenes Spielfeld ist heute definiert als ein Level auf dem es niemandem gestattet ist, jegliche Methoden anzuwenden, die die Leistungen der Athleten künstlich zu steigern.

Eine zerbrochene Idee

Die Gesetze wurden einst eingeführt, um Athleten zu schnappen, die beim Sport betrügen. Bis heute ist das nicht wirklich geschehen. Die Fälle, die unter den Steroid Control Act von 1990 fallen sind vielmehr die ganz normalen Eisenbrüder, die nur versuchen ihr Ding zu machen und dabei niemandem weh tun. Aber das ist egal, sie gehen dafür trotzdem ins Gefängnis. Es gibt wahrscheinlich keine größere Ungerechtigkeit als diese Art von „Gerechtigkeit“, die von einem gescheiterten Gesetz herbeigeführt wird. Was ist in diesem Falle das Ergebnis? Ebnet es irgendein Spielfeld, wenn man all diejenigen einbuchtet, die gar nicht auf diesem Spielfeld stehen? Die meisten von den Jungs nehmen noch nicht einmal an Wettkämpfen teil.

Das Gesetz, die Idee, das Konzept, die Durchführung und die Realität sind ein totaler Misserfolg. Warum? Weil es sich auf den Schutz von etwas fokussiert, das nicht einmal existiert. Und wenn es einen Teil von ihm geben würde, wäre es bestenfalls sehr schwammig und nicht greifbar. Das ebene Spielfeld damit zu beschmutzen, eine Art von unfairen Vorteil herbeizuführen, würde bedeuten, dass es eine Art Vorteil gäbe, der fair ist. Oder warum würde man ihn sonst als unfair bezeichnen?

Wenn dieser Vorteil verboten werden muss, sollte dann nicht jede Art von Vorteil verboten werden? Oder besser, warum dann überhaupt einen Vorteil verbieten? Warum nicht gleich an die Wahrheit glauben: Es gibt kein ebenes Spielfeld. Wir können weiterhin jedes Hilfsmittel verbieten, was uns über den Weg läuft. Jede leistungssteigernde Substanz, jede Modalität, jede Trainingsmethode, jedes Equipment, etc. Aber wir werden niemals in der Lage sein, unseren Weg auf ein ebenes Spielfeld zu verbieten, solange wir nicht den wahren logischen Nachteil ausschließen – den Athleten selbst. Solange wir ihn nicht verbannen, kannst du kein ebenes Spielfeld erreichen. Sobald ein zweiter Athlet auftaucht ist das komplette Konzept hinüber.


Quelle: t-nation.com/pharma/peds-and-the-myth-of-the-level-playing-field

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