Anabole Steroide

Sind die Nebenwirkungen des AAS-Konsums reversibel?


Androgen-anabole Steroide (AAS) haben ihre Nebenwirkungen, vor allem dann, wenn sie in einer Menge eingenommen werden, die oberhalb des therapeutischen Dosierungsrahmens dieser Medikamente liegt. Sie können den Cholesterinspiegel erhöhen, den Hämokritwert steigen lassen („dickes Blut“) und die natürliche endogene Testosteronproduktion unterdrücken. Und zumindest für oral eingenommene AAS gilt auch, dass die Leberfunktion beeinträchtigt wird. Vergessen wir außerdem nicht solche lästigen kosmetischen Nebeneffekte wie Haarausfall, Akne und Gynäkomastie. Beide Seiten der Pro- und Contra-Fraktionen in der Diskussion um Für und Wider des Stoffens geben diese Punkte unumwunden zu und stimmen wenigstens darin überein. Allerdings werden die Langzeitrisiken des Steroidkonsums sehr kontrovers diskutiert und lassen kaum einen Konsens zu.

Sind AAS-induzierte Nebenwirkungen reversibel? Und falls ja: hat eine ausgedehnte Stofferkarriere einen Effekt auf die Erkrankungsneigung und die Lebenserwartung? Während die Wissenschaft die zweite Frage immer noch nicht beantwortet hat, gibt es mit Blick auf die erste schon eine Menge Untersuchungen. Wir wollen uns im folgenden eine Studie ansehen, die mit ehemaligen und zum Zeitpunkt der Studie aktiven AAS-Konsumenten durchgeführt wurde, um einen Vergleich des Ausmaßes der Nebenwirkungen in beiden Teilpopulationen ziehen zu können. Wie du sehen wirst, sind die Ergebnisse zugleich beruhigend und beunruhigend.

Methodischer Hintergrund

Bevor wir uns die spezifischen Resultate ansehen, ist es wichtig, sich der angewendeten Methodologie der Untersuchung zu versichern. Es wurde eine Gesamtpopulation von 32 Probanden einbezogen, die sich als entweder dem Bodybuilding oder dem Powerlifting zugehörige Athleten bestimmen ließen. Rund die Hälfte der Männer (15) waren ehemalige Konsumenten mit einem durchschnittlichen Alter von 38 Jahren. Die Zeitspanne, die zum Zeitpunkt der Studie seit dem letzten Medikamentenkonsum vergangen gewesen war, variierte von ein bis zehn Jahre. Der Durchschnitt lag bei 3,5 Jahren. Zur Zeit ihres Konsums lag die durchschnittlich konsumierte Menge bei 720 mg pro Woche, die im Mittel über einen Zeitraum von 26 Wochen des Jahres über eine insgesamt im Schnitt neun Jahre währende Periode hinweg eingenommen wurde. Die anderen 17 Probanden waren zum Zeitpunkt der Untersuchung aktive AAS-Konsumenten, die im Durchschnitt 30 Jahre alt waren. Sie nahmen durchschnittlich 750 mg pro Woche für 32 Wochen im Jahr ein, verteilt auf eine insgesamt 8 Jahre lange Zeitperiode. Die zwei Gruppen waren den erhebungsrelevanten Merkmalen ihrer Missbrauchsgeschichte und ihres Konsumverhaltens nach gut ausbalanciert. Sie repräsentierten also sehr gut den durchschnittlichen „Stoffer“, der oberhalb der therapeutischen Dosierungsmenge konsumiert.

Die androgen-anabolen Steroide wurden ohne ärztliche Anleitung und Verschreibung von den Anwendern selbst verabreicht. Dem von den Probanden ausgefüllten Fragebogen zufolge waren die beliebtesten Medikamente zur Injektion Boldenon, Drostanolon, Formebolon, Methenolon, Nandrolon, Stanozolol und verschiedene Ester von Testosteron wie Testo Enanthat und Sustanon 250. Die beliebtesten oralen AAS waren 4-Chlorodehydromethyltestosteron (Oral Turinabol), Flouxomesteron, Mesterolon, Methenolon, Methandrostelon, Oxymetholon, Oxandrolon und Stanozolol. 5 ehemalige Konsumenten und 6 aktive hatten gelegentlich das menschliche Wachstumshormon (hGH) als Teil ihres Programms eingenommen, und zwar in einer Dosierung von 2 bis 16 IU täglich. Andere nicht-steroidale Medikamente, die üblicherweise genutzt werden, waren Anti-Östrogene und Clenbuterol, wie es auch zu erwarten gewesen war in diesen Probandenpopulationen.

Lipide (Cholesterin)

Kommen wir also zu den Ergebnissen. Um es gleich vorwegzunehmen: Aktive AAS-Konsumenten haben einen deutlich schlechteren Cholesterinwert. Die (guten) HDL-Werte waren bei 15 von 17 aktiven Konsumenten sehr niedrig (<0,9 nmol/L). Die Cholesterinbalance kann natürlich auch eine arterielle Verstopfung anzeigen. Insofern ist ein höheres HDL-Niveau und ein besseres HDL/LDL-Verhältnis wünschenswert. Nach dem Minimum von einem Jahr Abstinenz befand sich der HDL-Wert nur noch bei einem Nutzer unter Normalniveau. Diese Resultate stimmen überein mit anderen Studien zur Kurzzeiteinnahme wie auch den Erkenntnissen zu den Nebenwirkungen von AAS im Allgemeinen. Ein signifikant negativer Effekt auf den Cholesterinspiegel und – als dessen Folge – ein hohes kardiovaskuläres Erkrankungsrisiko durch den Missbrauch von AAS, werden durch all diese Daten nahegelegt. Allerdings scheinen sie auch die Reversibilität AAS-bezogener Nebenwirkungen auf die Serumlipide zu belegen, insofern keine negativen Langzeitfolgen bei ehemaligen Konsumenten festgestellt werden konnten.

Blutzellen

Es wurden ebenso deutliche Veränderungen der Blutzellenanzahl bei aktiven Konsumenten festgestellt. Das gilt insbesondere für Hämoglobin und Hämatokrit, deren Vorkommen sich mit einer Erhöhung um fünf, bzw. neun Prozent deutlich vermehrt hatte. Diese Veränderungen könnten der Effekt eines Anstiegs der Sauerstoffaufnahmekapazität des Blutes und somit verantwortlich für eine Leistungssteigerung sein. Sie tragen allerdings auch zu einer unerwünschten „Verdickung“ des Blutes bei, weil sie die Erhöhung der Konzentration roter Blutkörperchen anzeigt. Das ist insofern besonders relevant, als dadurch das Risiko eines kardiovaskulären Ereignisses wie einem Herzinfarkt erhöht wird – insbesondere im Zusammenspiel mit anderen typischen Nebenwirkungen des AAS-Missbrauchs wie einem negativ beeinflussten Cholesterinspiegel und einem erhöhtem Blutdruck. In der Gruppe der ehemaligen Roid-Konsumenten konnten diese Veränderungen des Blutbildes nicht konstatiert werden. Auch hier belegen die Daten also einen signifikant negativen Effekt des Steroidkonsums, der jedoch offenbar nach dem dauerhaften Absetzen keine messbaren Langzeitfolgen zeitigt.


Mehr Stoff, mehr Probleme im Bett?


Leberenzyme

Im Bereich der Leberenzyme wurde bei beiden Gruppen deutliche Veränderungen festgestellt. Alle aktiven Konsumenten außer einem Probanden wiesen erhöhte AST- (Aspartattransaminase) und ALT-Spiegel (Alanintransaminase) auf. Diese sind oft ein valider Indikator für die Symptome einer Leberentzündung aufgrund des Missbrauchs von c-17-Alpha-alkalysierten oralen Steroiden. AST- und ALT-Enzyme waren bei 3 bzw. 6 ehemaligen Nutzern über das Normalniveau hinaus erhöht. Die Forscher erwogen das Krafttraining als möglichen dritten möglichen Effekt, der die erhöhten Werte der Leberenzyme verursacht haben könnte.  Aber der Anstieg auch jener Enzyme, die nicht durch den Sport verursacht worden sein konnten (wie z.B. GLDH), legten nahe, dass die AAS die Ursache sein mussten. Es gab allerdings in keiner der beiden Gruppen Anzeichen einer dauerhaften Schädigung der Leber. Die Ergebnisse stimmen überein mit zahlreichen anderen Studien, die die Lebertoxizität von aktivem AAS-Konsum untersuchten. Allerdings liefern die Daten wiederum keinen Beleg für das gesteigerte Risiko einer nach dem dauerhaften Einstellen des Konsums bleibenden erhöhten Wahrscheinlichkeit einer Lebererkrankung.

Hormonspiegel

Die Testosteronlevel waren bei den aktiven Konsumenten deutlich erhöht, was sich durch die Beliebtheit synthetischen Testosterons in dieser Gruppe erklären lässt. Damit ging eine dramatische Unterdrückung der Gonadotropinproduktion um 91 bis 94 Prozent einher. Dies ist ein sicherer Hinweis auf eine ebenso dramatisch reduzierte körpereigene Testosteronproduktion bei aktiven AAS-Nutzern. Im Unterschied zu den anderen untersuchten Variablen ließ sich feststellen, dass die endogene Testosteronproduktion auch nach dem dauerhaften Absetzen nicht mehr auf das Normalniveau stieg. Besorgniserregende 13 Prozent der ehemaligen AAS-Konsumenten wiesen einen Testospiegel auf, der in den untersten 20 Prozent des Spektrums der als normal geltenden Testosteronwerte bei Männern angesiedelt ist. Zwei der Probanden lagen sogar unter dem Normalwert. Die anderen Hormone lagen innerhalb des Referenzrahmens bei dieser Gruppe. Wir müssen also zur Kenntnis nehmen, dass unser gern gepflegtes Vorurteil, dass die Unterdrückung der natürlichen Testoproduktion nur ein temporärer Effekt des AAS-Missbrauchs sei, höchstwahrscheinlich als widerlegt betrachtet werden muss. Wenn sich die Befunde dieser Studie replizieren (d.h. wiederholen) lassen sollten, dann wäre das ein eindeutiger Beweis dafür, dass ehemalige Konsumenten noch Jahre später mit einer deutlich suboptimalen Testosteronproduktion zu kämpfen haben.

Weitere Faktoren

Es gab noch einige andere Variablen, die im Rahmen der Untersuchung gemessen wurden und für unser Interesse von Belangen sind. So wurde zum Beispiel bei den aktiven Nutzern im Unterschied zu den ehemaligen eine Erhöhung der Thrombozytenkonzentration festgestellt. Thrombozyten sind Zellen, die bei Blutgerinnseln eine Rolle spielen. Zusammen mit einem erhöhten Hämatokritwert und Blutdruck kann dies zu einer deutlichen Erhöhung des Risikos eines Herzinfarkts oder Blutgerinnsels beitragen. Zwar gibt es nur selten Berichte von entsprechenden Vorkommnissen bei ansonsten gesunden Konsumenten von AAS, aber auf die leichte Schulter sollte man diesen Befund deshalb nicht nehmen. Mit Bezug auf andere Aspekte der Blutgesundheit, gab es keine großen Unterschiede zwischen den beiden Gruppen in Hinsicht auf die Serumelektrolyte (Natrium, Kalium, Magnesium, Calcium), Eisen, Creatinin, Harnsäure, Glukose oder HBA1. Schließlich wurde noch eine starke Neigung zur Gynäkomastie in beiden Gruppen festgestellt (ca. zwei Drittel der Probanden hatte früher oder zum Zeitpunkt der Untersuchung Probleme damit). Gynäkomastie kann eine permanente Nebenwirkung des Missbrauchs von androgen-anabolen Steroiden sein, die einen plastisch-chirurgischen Eingriff bei Bedarf der Behebung nötig macht. Diesbezüglich gibt es also keine wirklichen Überraschungen.

Schlussfolgerungen

Im Zusammenhang der Studie erwiesen sich die meisten der sich negativ auf die Gesundheit auswirkenden Effekte des AAS-Missbrauchs als reversibel. Die Gruppe der ehemaligen Konsumenten zeigte insbesondere nicht dieselben unerwünschten Veränderungen des Blutbildes, des Serumcholesterinspiegels oder der Leberenzymwerte, die bei aktiven Nutzern auftraten. Die unmittelbaren Auswirkungen von AAS auf die kardiovaskuläre und die Lebergesundheit betreffenden Aspekte, scheinen mehrheitlich nach längerer Abstinenz vollständig zu verschwinden. 

Die Reversibilität der Veränderungen der zentralen gesundheitsrelevanten Variablen ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass sie negative Manipulationen eines andernfalls gesunden organischen Systems darstellen. Auch nur temporär auftretende Symptome können tiefgreifendere Schäden anzeigen. Es gibt immer noch keine hinreichend schlüssigen Daten zur Frage, ob solche zeitweiligen, signifikanten Beeinträchtigungen der Gesundheit nicht doch ein erhöhtes Risiko der Erkrankung oder des Todes, noch Jahre nach dem Absetzen nach sich ziehen können. So ist zum Beispiel ein erhöhter Cholesterinspiegel bei ungünstigem HDL/LDL-Verhältnis mit einem erhöhten Risiko von Veränderungen des kardiovaskulären Systems assoziiert, die Herzkrankheiten begünstigen können. Man könnte also trotz wieder normalisierter Werte aller sonstigen gesundheitsrelevanten Messgrößen bei längerer Abstinenz immer noch eine Arteriosklerose (d.h. eine Verhärtung der Arterien) während der Zeit des AAS-Missbrauchs verursacht haben. Wir haben es hier mit einem Bereich der Medizin zu tun, in dem es immer noch eine Menge unbekannter Variablen und nicht genügend verlässliche Daten gibt, wie wir ja schon eingangs erwähnten.

Im Bereich der hormonellen Gesundheit gibt es guten Grund zur Besorgnis, sofern du den Ge- bzw. Missbrauch von AAS in Betracht ziehen solltest: Bei den untersuchten Männern hat sich selbst nach jahrelanger Abstinenz eine deutlich unzureichende körpereigene Testosteronproduktion feststellen lassen. Ein niedriger Testospiegel kann unmittelbare Folgen wie Antriebslosigkeit, vermindertes Konzentrationsvermögen, reduzierte Muskelmasse und Kraft sowie eine geringere Libido haben. Langfristig können allerdings noch schwerwiegendere Folgen wie Herzkrankheiten, Diabetes und Krebs auftreten, die allesamt mit einer männlichen Hormondefizienz assoziiert sind. Es ist vorstellbar, dass ein „kleineres“ Problem mit einem niedrigen oder sehr niedrigen Testosteronspiegel langfristig gravierende Gesundheitsprobleme induzieren kann, wenn diese nicht frühzeitig behandelt werden.


Primärquelle: musculardevelopment.com/articles/chemical-enhancement/15677-steroid-side-affects-are-they-reversible.html#.WFlmJBvhBHZ

Studienquelle:

Urhausen A, Torsten A, Wilfried K. Reversibility of the effects on blood cells, lipids, liver function and hormones in former anabolic-androgenic steroid abusers. J Steroid Biochem Mol Biol 2003;Feb;84(2-3):369-75.

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